Frank van Düren - Willkommen in meiner Welt
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Try Walking In My Shoes

30.05.2020

Eines der Bücher, die ich derzeit lese, ist Ein Schnupfen hätte auch gereicht von Gaby Köster und Till Hoheneder. Zum Hintergrund, für jene, die es nicht wissen: Frau Köster, ihres Zeichens eine der bekanntesten Comedians Deutschlands, hatte 2008 einen schweren Schlaganfall und hat seither mit dessen Folgen zu kämpfen. Besagtes Buch hat sie mit Hilfe ihres Freundes Till 2011 veröffentlicht, um darin unter anderem die ersten Erfahrungen mit der miesen Krankheit zu verarbeiten. Weitestgehend an den Rollstuhl gebunden sein, Gliedmaßen die ihren Dienst versagen, emotionales Chaos... Frau Köster beschreibt sehr packend, wie schwierig es ist, von jetzt auf gleich aus seinem alten Leben in das einer behinderten Frau gerissen zu werden. Und an einer entscheidenden Stelle schreibt sie: "Manchmal fühle ich mich gefangen in dieser Gefühlsachterbahn zwischen Dankbarkeit und Verzweiflung. Und wer das nicht verstehen will, dem sage ich es ganz deutlich, für alle Schönsülzer zum Mitschreiben: Try Walking In My Shoes!"

Sie bezieht sich damit auf all jene, die ihr sagen wollten "Nimm es locker.", "Anderen geht es noch viel schlechter.", "Du hättest sterben können - sei froh, dass Du lebst!". Es sind diese Dinge die man eben nicht hören möchte, wenn es einem schlecht geht, aus welchem Grund auch immer. Wenn man Liebskummer hat, kommt schnell mal jemand mit der altbekannten Floskel um die Ecke, dass andere Mütter/Väter auch schöne Töchter/Söhne hätten. Regt man sich über das schlechte Essen auf, das einem aufgetischt wurde, dann ist die Info, dass in Afrika Kinder verhungern, nicht weit.

Und ja, das stimmt natürlich alles. Irgendwem geht es immer schlechter. Und in den allermeisten Fällen hätte es schlimmer kommen können. Doch wenn man leidet, egal ob im kleinen, oder im großen, dann ist das eine verdammt subjektive Angelegenheit. Dann ist der eigene Schmerz der schlimmste der Welt. Da hilft einem nicht, mit anderen verglichen zu werden - im Gegenteil, das ist eigentlich ein Ausdruck mangelnder Empathie. Wenn Du meinst, über meine inneren Zerwürfnisse urteilen zu können, dann versuch erstmal, diese wirklich zu verstehen. Versuche, in meinen Schuhen zu laufen.
Try walking in My Shoes!

Als alter Musikfan habe ich bei dem Spruch natürlich auch den quasi gleichnamigen Song von Depeche Mode (Try Walking In My Shoes) im Ohr. Ein wundervolles Werk, welches in eine ähnliche Bresche schlägt. Dave besingt darin, wie irrsinnig es ist, wenn andere glauben, sein Leben beurteilen zu können. Er ist durch die (Drogen-)Hölle gegangen, hat Abgründe und Höhenflüge durchlebt. Das was er erlebt hat, hat in dieser Form niemand sonst durchgemacht. Ähnlich vielleicht, aber nie exakt gleich. "You'll stumble in my footsteps" - würdest Du versuchen, in seinen Fußstapfen zu laufen, würdest Du ins Stolpern geraten. "Now I'm not looking for absolution" - er erwartet keine Absolution. Nein, er ruft dem Hörer entgegen: "Try walking in my shoes" - dann, und nur dann, kannst Du vielleicht erahnen, warum ich bin, wie ich bin, und warum ich handele, wie ich es tue.

Das bringt mich zu einer anderen, erschreckenden Erfahrung, die ich in den letzten Tagen bewusster gemacht habe, als je zuvor. Aber lasst mich dafür ausholen.
Aktuell, in der "Corona-Krise", sind ja erstmal alle Konzerte und Kulturveranstaltungen abgesagt worden. Und auch wenn die Gründe dafür gut sind, diese Maßnahmen in Angesicht eines uns unbekannten Virus Sinn machen, so macht dies mich als großen Fan der Musik wahnsinnig traurig; nicht nur für mich, weil ich verzichten muss, sondern weil da so dermaßen viel dranhängt: Die Musiker selbst, für die ihre Kunst mal Beruf, mal Berufung und zumeist beides ist. Die Menschen, die drumherum leben und arbeiten, vom Techniker, über die Menschen im Service und in der Sicherheit, bis hin zu all jenen Gewerbetreibenden rund um eine Veranstaltungslocation, die dadurch ihren Lebensunterhalt gestalten oder aufbessern - Taxifahrer, Kioskbetreiber, Gastronomen, Hoteliers... Um nur ein paar zu nennen. Vor allem aber bedrückt mich das Wissen, dass da draußen Millionen von Menschen sind, denen es geht wie mir. Die jetzt gerne bei ihrer Lieblingsband auf Konzert wären, oder beim Open Air Festival im Moshpit abrocken wollten. Die in der Bar um die Ecke einem Bluessänger lauschen möchten. Die sich auf eine ganz besondere Tour der Toten Hosen gefreut haben - die "Alles ohne Strom"-Tour, mit Big Band und ohne Distortion.

Diese Tour konnte nicht - wie andere - ins nächste Jahr verschoben werden, sondern wurde ersatzlos gestrichen. Grund dafür ist die Logistik - es wäre wohl nicht möglich gewesen, alle Beteiligten so nochmal unter einen Hut zu bringen. Musiker, Mitarbeiter und tausende Fans haben sich darauf gefreut und wurden durch die Umstände vor den Kopf gestoßen. Soweit ein Schicksal, das wir alle in der einen oder anderen Form teilen, und bei dem man Mitleid und Anteilnahme verspüren sollte.

Sollte man meinen. Dann sehe ich dieses Posting eines großen, internationen Musikmagazins, welches genau besagte Tourabsage verkündet. Und darunter: Zahllose Komemntare, die vor Hass und Häme nur so strotzen. Menschen, die sich über die Hosen auskotzen, ihnen die musikalische Kompetenz in Abrede stellen oder sonstwie vor sich hin wettern. Nun muss man Campino und co nicht zwangsweise mögen - Geschmäcker sind verschieden - und dass unter den Hatern der eine oder andere Nazi seinen braunen Senf auskotzt, ist klar. Da erwartet man nichts anderes.
Aber was ist mit all jenen, die einfach nur Galle versprühen, ohne politischen Hintergrund? Die hassen, Schadenfreude verbreiten, sich daran aufgeilen, dass es mit den Hosen die "Richtigen" getroffen habe? Unabhängig von deren grundsätzlicher Meinung zur Band an sich, inwieweit denken diese Schreihälse an die Fans, deren Herzen jetzt bluten? Die sich zum Teil monatelang auf genau dieses Konzert gefreut haben? Die womöglich Geld sparen mussten, Urlaub und Hotel gebucht haben, deren Welt durch eine solche Absage in Scherben liegt?
Die meisten jener Hater folgen dem Musikmagazin mit Sicherheit, weil sie selbst Musik toll finden und Bands haben, die sie lieben. Wie kann jemand, der selbst die "Schuhe eines Musikfans" trägt, so wenig Verständnis für den Schmerz anderer aufbringen?

Oder ein anderes Beispiel: Ich bin - unter anderem - Fan des FC Bayern München. Als solcher bin ich entsprechende, negative Reaktionen gewohnt - ich werde an dieser Stelle weder erklären, woher meine Liebe zum Verein kommt, noch die generelle Diskussion über Bayern-Hass aufmachen. Die Toten Hosen können ja ein Lied davon singen. ;)

Jedenfalls ist es da nichtmal schlimm, wenn Freunde einen necken, Rivalitäten auf relativ harmlosem Niveau ausgetragen werden. Das gehört zum Fußball und nehme ich auch nicht sonderlich ernst. Aber ich erinnere mich an diesen einen Abend: Bayern in der Champions League, verlieren und fliegen raus, was mich natürlich getroffen hat. In meiner Trauer blicke ich auf Facebook und lese dort einen hämischen Post "Scheiß Bayern!!!". Von einer Bekannten, die selbst Fußballfan ist und ich bis dato für eine durchaus nette Person gehalten habe. So ein Hass, so dermaßen herausposaunt, direkt nachdem man vom Fußballgott eh schon die Fresse poliert bekommen hat... Ernsthaft, wie wenig Empathie kann man haben, um dermaßen unreflektiert verbal-virtuell um sich zu schlagen und somit unweigerlich andere Fußballfans zu verletzen? Wenn Dein Verein verliert, dann nehme ich dich in den Arm und teile Deine Trauer, und ich erspare Dir Floskeln a la "Beim nächsten Mal schafft ihr es bestimmt!", denn ICH kenne den Schmerz, der folgt, wenn man mit Leib und Seele mitfiebert und dann in diesen Abgrund eines verlorenen K.O.- oder gar Endspiels fällt.

Ich kann nicht problemlos in Deinen Schuhen laufen, das ist klar. Es würde drücken, ich würde ins Stolpern geraten, vielleicht passe ich auch gar nicht hinein. Aber wenn Du schon, wie ich, zum Beispiel Fußball- oder Musikschuhe trägst, dann weiß ich doch, dass zumindest einige unserer Erfahrungen und Wege sehr ähnlich verlaufen sind.

Doch dafür müsste man sich ja bemühen, die Perspektive des anderen einzunehmen.

Andersherum geht es natürlich auch: Man hat sich irgendwas erarbeitet, ein leben lang gekämpft, um den einen oder anderen Traum letztlich doch zu erfüllen. Rückschläge erlebt, viele Federn gelassen. Und dann kommt eine Phrase wie: "Hast Du es gut"!
Ohne zu hinterfragen, was man geleistet hat, um einen Hügel oder Berg zu erklimmen, unterstellt das Gegenüber einem übermäßiges Glück. Du hast was, was ich nicht habe. Neid ist die Folge. Auch davon können viele "Stars" ein Lied singen. Try walking in my shoes - dann kannst Du vielleicht erahnen, wie beschwerlich mein Weg war.

Den Blickwinkel des Gegenübers kann man immer nur bis zu einem gewissen Grat verstehen, denn seine Vorprägungen, seine Einflüsse, sein bisheriges Leben können wir natürlich nicht nachvollziehen. Was einen Menschen dazu gebracht hat, bestimmte Denkmuster anzunehmen, speziellen Vorlieben und Abneigungen zu frönen, besondere Einstellungen zu entwickeln, das verstehen wir um so besser, um so intensiver und vorurteilsfreier wir uns mit ihm auseinandersetzen, wenngleich wir ihn und sein Seelenleben nie ganz verinnerlichen werden. Selbst, wenn er uns seine Schuhe leiht, und wenn zufällig die Größe stimmt, so ist sein Fußbett anders als unseres, und was ihm bequem ist, mag uns Schmerzen verursachen.

Nur so funktioniert letztlich auch Diskussionskultur. Wir alle haben unsere Ansichten und Meinungen aus unseren ureigenen Erfahrungen entwickelt. Wollen wir über diejenigen der anderen urteilen, sollten wir uns nicht nur mit deren Argumentation auseinander gesetzt haben, sondern zumindest auch mal versuchen, deren Denkwege und Schlussfolgerungen nachzuvollziehen. Oder, um es plakativ auszudrücken: Wenn ich auf mein "Man, bist Du doof!" ein "Warum?" erwidert bekomme, sollte mir mehr einfallen als "Weilwegen isso...".

Warum schreibe ich das alles hier? Weil ich in einer Welt, in der die "Ich-Perspektive" zunehmend an Einfluss zu gewinnen scheint, ein Plädoyer für perspektivisches Denken halten möchte. Ich weiß, dass Du mich niemals ganz verstehen kannst, so wenig wie ich in der Lage bin, Dein Wesen vollständig zu erfassen. Aber wir beide, wir alle, können zumindest versuchen, die Sicht des Anderen nachzuvollziehen. Und diese zu respekieren, selbst wenn wir sie nicht vollends teilen.

Um es mit Dave Gahan zu sagen:
[...]before you come to any conclusions - try walking in my shoes.